Preisträgerkonzert Ensemblestipendium: Kammermusik vom Malion Quartett

Der Komponist Johannes Brahms sagte einst, dass alles, was er denke, nur Musik sei. So bekannte er: „Ich bin verliebt in die Musik – ich liebe die Musik, ich denke nichts als sie und an anderes nur, wenn es mir Musik schöner macht.“ Eine solche bedingungslose und hingebungsvolle Liebe zur Musik wie Brahms sie wohl empfand, konnte man auch am Mittwochabend beim Preisträgerkonzert des Ensemblestipendiums miterleben. Dort spielte das Malion Quartett – bestehend aus Alex Jussow (Violine I), Jelena Galić (Violine II), Lilya Tymchyshyn (Viola) und Bettina Kessler (Violoncello) – mit unverkennbarer Leidenschaft und einem verdienten Hauch von Stolz auf der Bühne des Großen Saals der HfMDK. Im Mai dieses Jahres zeichnete eine hochkarätige Jury das Ensemble mit dem erstmals ausgeschriebenen Jahresstipendium in Höhe von insgesamt 20.000 Euro aus. Eine Auszeichnung und Anerkennung, die das Quartett mit einem enormen Gefühl der Dankbarkeit entgegennahm. „Ein Stipendium dieser Art ist etwas ganz Besonderes“, sagen die jungen Musiker*innen, „und wir sind den Freunden und Förderern der HfMDK, die dies ermöglicht haben, sehr dankbar.“

Initiiert wurde das Stipendium durch Dr. Fabian von Schlabrendorff, langjähriges Mitglied der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK. Er hat die gesamte Entwicklung des Quartetts inklusive wechselnder Besetzungen seit dessen Gründung durch Bettina Kessler mitverfolgt und schlussfolgert:

„Der Weg, den das Ensemble in so kurzer Zeit gegangen ist, ist unglaublich.“

Durch ihre Hingabe leiste das Malion Quartett einen entscheidenden und ganz eigenen Beitrag im Genre Kammermusik, das gerade in Deutschland eine lange Tradition hat. Das Ensemble erzeuge mit seiner Arbeit „eine Intimität, die auch erlebbar ist“ – unabhängig von der Größe des Saals. Und tatsächlich wirkte das Quartett wie ein einzelner und ausgezeichnet funktionierender Organismus bestehend aus vier exzellenten Musiker*innen. Man sah und hörte ein Miteinander, in dem das Individuum vollkommen in der Gemeinschaft und dem kollektiven Spiel aufging – ohne dabei an Profil oder an Ecken und Kanten zu verlieren.

Vor dieser Wirkung ist das ausgelobte Jahresstipendium für Kammermusikensembles, das es in dieser Form bisher an keiner anderen Hochschule in Deutschland gibt, zurecht außergewöhnlich. Das betonte auch Prof. Elmar Fulda in seiner Eröffnungsrede. Besonders an dem Stipendium sei nämlich, dass das Ensemble als Ganzes durch gleichwertige Anteile für jedes Mitglied gefördert wird. Jede Musiker*in erhält ein Stipendium in Höhe von 5.000 Euro. „Denn wie soll ein Ensemble sonst gelingen, bei lauter Einzelförderung?“, brachte es der HfMDK-Präsident auf den Punkt. Gemeinschaftlichkeit in und durch die Musik findet durch das Stipendium endlich seinen verdienten Platz im Ensemble-Leben, das, so Jury-Mitglied und HfMDK-Professor für Streicherkammermusik Tim Vogler, eben nur ein „enger, gemeinschaftlicher Weg sein kann.“ Man erlebe einerseits die glücklichsten Momente und müsse sich andererseits immer wieder miteinander auseinandersetzen.

Auf dem Programm beim Preisträgerkonzert standen Stücke von Joseph Haydn, Anton von Webern und eben vom eingangs zitierten Brahms – Stücke, die das Quartett gut kennt und mit denen sich die Streicher*innen wohlfühlen. Denn bei einem vollen Konzertkalender gehe es vor allem darum, den Stress und die Nerven vor großen Veranstaltungen oder Wettbewerben sinnvoll auszubalancieren. Ein Ratschlag, den sie von ihren Lehrenden, darunter auch Tim Vogler, immer bekommen haben. Über ihre Beziehung zur Kammermusik und insbesondere dem Streichquartett sagen die vier Musiker*innen, dass sie seit dem Erlernen ihrer Instrumente Spaß an dem Genre hatten. Sie beschreiben „das Bedürfnis, in das Streichquartett-Repertoire einzutauchen, jede Note umzudrehen und herauszufinden, was ein Komponist von uns als Musikern wollte“, als etwas, „das wir schon immer in uns trugen, das wir aber erst gemeinsam entdeckten, als wir anfingen, intensiv zu proben.“ Dabei immer wieder unterschiedliche Möglichkeiten auszuloten, das Publikum daran teilhaben zu lassen, sieht das Quartett als „eine große Herausforderung, aber auch eine große Befriedigung“. Dem fulminanten Applaus nach der ersten und zweiten Hälfte des Abends nach zu urteilen, ist es ihnen mehr als gut gelungen, das Publikum mitzureißen. „Bewegend“, fasste Dr. Fabian von Schlabrendorff die Performance des Ensembles bereits in der Pause zusammen. Und tatsächlich sah man hier und da auch einige wippende Füße, von der emotionalen Berührung ganz abgesehen.

Das Ensemblestipendium will das Malion Quartett nun vor allem für die Umsetzung seiner zahlreichen Ideen nutzen. Unter anderem können die Stipendiat*innen sich vorstellen, mithilfe der Förderung das Malion Musikfestival fortzuführen, das sie im Februar eigens ins Leben gerufen und auf die Beine gestellt haben. „Unsere Idee war es, etwas anderes zu machen als das traditionelle Konzertformat: Wir nahmen ein Stück pro Abend und brachen es für das Publikum herunter, indem wir Passagen langsam spielten, einzelne Teile einzelner Instrumente zeigten und sogar zeigten, wie wir bestimmte Stellen einstudierten. In der zweiten Hälfte spielten wir das Stück in seiner Gesamtheit“, beschreiben sie das Festival-Konzept. Konkrete Vorstellungen für die Zweitauflage gibt es auch schon:

„Für die nächste Ausgabe unseres Festivals wollen wir künstlerische Gäste einladen, uns neue Themen für jeden Abend oder sogar für das gesamte Festival ausdenken – das sind nur einige der Ideen, die wir im Kopf haben.“

Davon abgesehen ermöglicht das Stipendium den vier Musiker*innen aber vor allem, täglich miteinander zu arbeiten und sich gemeinsam auf große Streichquartett-Wettbewerbe im nächsten Jahr vorzubereiten. Denn die Teilnahme an solchen Wettbewerben und vor allem die damit verbundene Notwendigkeit, sich unter Druck zu verbessern und in kurzer Zeit das eigene Repertoire zu erweitern, sieht das Quartett als essenziell in der Entwicklung als Gruppe an. Vor allem auch, weil diese Prozesse dazu beitragen, dass die Musiker*innen viel über sich als Ensemble lernen – ganz abgesehen davon, dass sie dabei im besten Fall natürlich auch für ihre musikalische Leistung ausgezeichnet werden. In Anbetracht der musikalischen Exzellenz und Leidenschaft, die das Ensemble auf die Bühne bringt, wird das gewiss ein Leichtes sein.

„Es ist sehr inspirierend zu wissen, dass es in der HfMDK so viele Menschen gibt, die sich für die Förderung der nächsten Generation von Kammermusikern einsetzen. Es war natürlich sehr nervenaufreibend, vor einem Raum voller Menschen zu spielen, die dieses Musikgenre sehr gut kennen… aber ihren Zuspruch zu spüren, war etwas, das uns definitiv ermutigt hat.“

– Malion Quartett

 

Text: Paula Günther, Vorschaubild: © Marcel Raabe